George Robert Gissing

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George Robert Gissing, Schriftsteller

George Robert Gissing (* 22. November 1857 in Wakefield, Yorkshire; † 28. Dezember 1903 in Ispoure, Saint-Jean-Pied-de-Port, Südfrankreich) war ein englischer Schriftsteller.

Mit George Orwell gesprochen,[1] war er „ein Chronist der Vulgarität, des Elends und des Versagens.“ Den Glauben an die moralische Widerstandskraft der Lohn- oder Zeilengeldsklaven wie auch ihrer Führer hatte er früh verloren. Die Kritik zählt ihn zu den bedeutendsten englischsprachigen Erzählern des Übergangs vom Realismus zum Naturalismus. Für Valentine Cunningham ist er „Englands Zola“.[2] Der lungenkranke „pessimistische Schilderer des Londoner Proletariats“[3] starb schon mit 46 Jahren.

Mit 13 Jahren verliert Gissing seinen Vater, einen Apotheker. Ein Stipendium ermöglicht dem klugen und an Literatur interessierten Jungen den College-Besuch. Er begeistert sich für Arthur Schopenhauer, Émile Zola, Charles Dickens (über den er später eine rühmende Studie verfasst) und die russischen Erzähler Iwan Sergejewitsch Turgenew und Fjodor Dostojewski. Er zeigt glänzende Leistungen, gewinnt sogar den vom College verliehenen Shakespeare-Preis, doch die Liebe zu der jungen Prostituierten Marianne Helen Harrison, genannt „Nell“, setzt seiner akademischen Laufbahn ein vorzeitiges Ende: als er Nell nicht mehr unterstützen kann, bestiehlt er Mitstudenten, was ihm einen Monat Gefängnis (in Manchester) und die Relegation vom College einbringt.

1876 schifft sich Gissing auf Vorschlag seiner Mutter und dank Freundeshilfe nach den USA ein, wo er sich nach einer Hungerzeit mit Kurzgeschichten für die Chicago Tribune über Wasser halten kann. Nach einem Jahr zurückgekehrt, geht er mit Nell nach London, um sich als Romanautor zu versuchen. 1879 heiratet er Nell. 1880 stirbt Gissings Bruder William an Tuberkulose. Gissings Frau verfällt dem Alkohol. 1882 trennt er sich von ihr, unterstützt sie aber weiter finanziell – im Rahmen seiner dürftigen Einkünfte, die er hauptsächlich mit Privatunterricht verdient. Sie stirbt 1888 an den Folgen von Trunksucht und Syphilis.

Auch eine zweite Ehe, die Gissing 1891 mit der Tochter eines Steinmetzen Edith Underwood schließt, verläuft unglücklich. Das Paar geht nach Exeter. Edith zeigt für Literatur wenig Verständnis, hingegen soll sie zu Wut- und Gewaltausbrüchen neigen. Er trennt sich 1897 von ihr. Von den beiden gemeinsamen Söhnen bleibt der eine bei Edith, der andere ist schon vor der Trennung bei Gissings Schwestern in Wakefield untergebracht worden. 1902 wird Edith amtlich für geisteskrank erklärt und in eine Anstalt eingewiesen. In all diesen Ehewirren hat Gissing einen tröstlichen Halt in der Sozialreformerin Clara Collet, die er seit Sommer 1893 kennt. Clara kümmert sich noch nach Gissings frühem Tod (1903) sowohl um Edith († 1917) als auch um die Söhne. Sie bleibt auch mit seiner französischen Geliebten Gabrielle in freundschaftlichem Briefwechsel, obwohl sich Collet selber Hoffnungen auf ein leidenschaftliches Verhältnis mit Gissing gemacht hatte.[4]

Lehr- und Zeilengeld

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Gissings selbstverlegter Roman-Erstling Workers in the Dawn von 1880 erweist sich als Reinfall. Sein Selbstvertrauen ist stark erschüttert. Eine gewisse Ermunterung durch die Kritik erfährt er vier Jahre später für Unclassed. Zum „Durchbruch“ verhilft ihm schließlich der Roman Demos (1886), der bereits die Korruption unter Arbeiterführern thematisiert. Nun folgen seine Romane fast im Jahresabstand, doch er ist geschäftsuntüchtig, die Verleger nutzen ihn aus. In den Jahren 1888–90 hält er sich für etliche Monate in Griechenland und Italien auf. Das Unterrichten hat er inzwischen aufgegeben. Sein nächster Roman The Emancipated (1890) handelt von freidenkerischen britischen Auswanderern. Im anbrechenden Jahrzehnt schreibt Gissing seine bekanntesten Werke, darunter New Grub Street (Zeilengeld) und Born in Exile.

Inzwischen erheben einige Kritiker Gissing bereits in den Rang von George Meredith oder Thomas Hardy. Er macht die Bekanntschaft prominenter Kollegen wie Henry James, H. G. Wells, Joseph Conrad. 1897/98 bereist er erneut Italien. Zurückgekehrt, begegnet ihm die Französin Gabrielle Fleury, die Zeilengeld übersetzen möchte. Sie verlieben sich ineinander, korrespondieren ausgiebig und lassen sich 1899 in Frankreich nieder. Laut Cunningham trägt auch diese Geliebte – mitsamt ihrer zu Rosskuren neigenden Mama – nicht gerade zu Gissings Gesundung bei.[2] 1901 verbindet Gissing einen Besuch bei H. G. Wells in England mit einem Sanatoriumsaufenthalt in Suffolk. 1903 erscheinen seine Betrachtungen The Private Papers of Henry Ryecroft, die ihm noch einmal viel Beifall einbringen. Der völlig überarbeitete, gehetzte und entkräftete Gissing stirbt Ende desselben Jahres: Auslöser ist eine Erkältung, die er sich bei einer Winterwanderung zuzieht.[5]

Wie Russell Kirk darlegt[6] – und auch aus Ryecroft hervorgeht –, hatte sich Gissing bereits um 1885 von seinen sozialistischen Jugendidealen abgewandt. Er belächelte sie und stellte der „brutalen Herrschaft des halbgebildeten Pöbels“ seinen Glauben an eine „Aristokratie des Geistes“ entgegen, die Jules Romains vorwegzunehmen scheint. Diese „Massenfeindlichkeit“ ist ihm auch von Literaturwissenschaftlern der DDR angekreidet worden.[7] Orwells Kennzeichnung ist ähnlich, enthält sich jedoch eines Bannspruchs. Für ihn litt Gissing unter den überholten viktorianischen Konventionen, die armen, aber intelligenten Schluckern den Alltag zur Qual machten. Die Säulen dieser Normen waren das Geld und die Frauen. Gissing hätte gern ein bisschen Wohlstand abbekommen, um sich ungezwungen in kultivierte Lektüre versenken zu können, doch das, was wir „soziale Gerechtigkeit“ nennen würden, habe ihn nicht interessiert. Weder habe er die Arbeiterklasse als solche noch die Demokratie bewundert. „Er wollte nicht für die Menge sprechen, sondern für den außergewöhnlichen, empfindsamen, unter Barbaren isolierten Mann.“[1]

Gissing habe sich für den einzelnen Menschen interessiert, so Orwell weiter. Die Tatsache, dass er dessen unterschiedliche, oft widerstreitenden Motive wohlwollend betrachtet habe und aus deren Kollision eine glaubwürdige Geschichte zu machen verstand, verleihe Gissing eine außergewöhnliche Stellung unter den englischen Schriftstellern. Dem tue es keinen Abbruch, wenn seine Prosa im herkömmlichen Sinne nie schön, streckenweise sogar grässlich sei.[1] Auch Meyers Lexikon hebt an Gissings Romanen schon früh[8] die trefflichen Charakter- und Milieuschilderungen hervor, bescheinigt ihm allerdings einen „klassischen Stil“. Dafür bemängelt es „uneinheitlichen Aufbau“. Für Kindlers schließlich hat sich Gissings Erzählstil „nie ganz aus der viktorianischen Tradition“ gelöst.[3]

  • Workers in the Dawn (Arbeiter in der Dämmerung), Roman, 1880
  • The Unclassed (Die Klassenlosen), Roman, 1884
  • Isabel Clarendon, Roman, 1885
  • Demos, Roman, 1886
  • Thyrza, Roman, 1887
  • A Life's Morning, Roman, 1888
  • The Nether World (Die Unterwelt), Roman, 1889
  • The Emancipated, Roman, 1890
  • New Grub Street, Roman, 1891, deutsch Zeilengeld, Nördlingen 1986, Reihe Die Andere Bibliothek[9]
  • Denzil Quarrier, Roman, 1892
  • Born In Exile (Im Exil geboren), Roman, 1892[10]
  • The Odd Women, Roman, 1893, deutsch Die überzähligen Frauen, Frankfurt/Main 1999
  • In the Year of Jubilee, Roman, 1894
  • Eve's Ransom, Roman, 1895
  • The Paying Guest, Roman, 1895
  • Sleeping Fires, Roman, 1895
  • The Whirlpool, Roman, 1897
  • Human Odds and Ends, Erzählungen, 1898
  • The Town Traveller, Roman, 1898
  • Charles Dickens: A Critical Study, 1898
  • The Crown Of Life, Roman, 1899
  • By the Ionian Sea, 1901, deutsch Am Ionischen Meer: ein Streifzug durch Süditalien, Schellenberg/Lichtenstein 2003[11]
  • Our Friend the Charlatan, Roman, 1901
  • The Private Papers of Henry Ryecroft, Betrachtungen, 1903
posthum veröffentlicht
  • Veranilda, Roman, 1903 (unvollendet), edited by Markus Neacey, Grayswood Press, 2022, ISBN 978-1-7396203-1-8
  • Will Warburton, Roman, 1905
  • The House of Cobwebs, Erzählungen, 1906
  • Stories and Sketches, 1938
  • H. G. Wells: George Gissing, in: Monthly Review August 1904
  • Frank Swinnerton: George Gissing: A Critical Study, London 1912
  • Edward Clodd: Memories, London 1926, Seite 165–195
  • Anton Weber: George Gissing und die soziale Frage, Leipzig 1932
  • S. V. Gapp: George Gissing: Classicist, Philadelphia 1936
  • H. Sieper: Psychologische Studien zu den Romanen George Robert Gissings, München 1937
  • M. C. Donelly: George Gissing: Grave Comedian, Cambridge (Massachusetts) 1954 (mit Bibliographie. Separate Bibliographien führt Kindlers an)[3]
  • Morley Roberts: The Private Life of Henry Maitland – a Portrait of George Gissing, London 1958[12]
  • A. C. Ward: Gissing, London 1959
  • R. G. Malbone: George Gissing: Novelist, Minneapolis 1960
  • Jacob Korg: George Gissing. A Critical Biography, Seattle (Washington) 1963, London 1980
  • O. H. Davis: George Gissing: A Study in Literary Leanings, Croydon 1965
  • Pierre Coustillas (Hrsg.): Collected Articles on George Gissing, London 1968
  • Pierre Coustillas (Hrsg.): George Gissing: Essays and Fiction, Baltimore (Md) 1970
  • Pierre Coustillas und J. Spiers: The Rediscovery of George Gissing: A Reader's Guide, London 1971
  • Pierre Coustillas und C. Partridge (Hrsg.): Gissing: The Critical Heritage, London 1972
  • Pierre Coustillas (Hrsg.): Henry Hick's Recollections of George Gissing, London 1973
  • Gillian Tindall: The Born Exile: George Gissing, London 1974
  • A. D. B. Poole: Gissing in Context, London 1975
  • L. F. Courtney: George Gissing: Victorian, Emory University 1975
  • Jacob Korg: „George Gissing: Humanist in Exile“, in: R. A. Levine (Hrsg.): The Victorian Experience: The Novelists, Athens (Oh.) 1976, S. 239–273.
  • Michael Collie: George Gissing. A Bibliography, London 1977
  • Michael Collie: The Alien Art: A Critical Study of George Gissing's Novels, Folkestone 1978
  • John Goode: George Gissing: Ideology and Fiction, London 1978
  • J.-P. Michaux (Hrsg.): George Gissing: Critical Essays, London 1981
  • A. C. Ward: „George Gissing“, in: I. Scott-Kilvert (Hrsg.): British Writers, New York 1982, Band 5, S. 423–438
  • John Halperin: Gissing: A Life in Books, Oxford 1982 und 1987
  • David Grylls: The Paradox of Gissing, London 1986
  • Mark Connelly: Orwell and Gissing, New York 1997
  • John Keahey: A Sweet and Glorious Land: Revisiting the Ionian Sea, St. Martin's Press 2000 (following in Gissing's footsteps throughout southern Italy 100 years later)
  • Deborah McDonald: Clara Collet 1860–1948: An Educated Working Woman, London 2004
  • Paul Delany: George Gissing: A life, London 2008, ISBN 978-0-297-85212-4 (eine lobende Rezension, auch im Vergleich mit anderen Biographien, gibt Cunningham)[2]
  • Pierre Coustillas: The Heroic Life of George Gissing, Part I: 1857–1888, London 2011, ISBN 978-1-8489-3171-8, Part II: 1888–1897, London: Pickering & Chatto, 2012, ISBN 978-1-84893-173-2; Part III 1897–1903, London: Pickering & Chatto, 2012, ISBN 978-1-84893-175-6
  • John Carey: Haß auf die Massen. Intellektuelle 1880–1939. Göttingen 1996, S. 117–145.

In Peter Ackroyds Buch Dan Leno and the Limehouse Golem von 1994 zählt Gissing zum Romanpersonal.

Einzelnachweise

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  1. a b c George Orwell 1948, abgerufen am 23. August 2011
  2. a b c Valentine Cunningham 2008, abgerufen am 23. August 2011
  3. a b c Kindlers Neues Literaturlexikon, Ausgabe München 1988
  4. Deborah McDonald, abgerufen am 25. Sept. 2017
  5. Laut Orwell findet sich Gissings Tod in H. G. Wells Experiment in Autobiography von 1934 geschildert.
  6. The Conservative Mind: From Burke to Eliot, 1953
  7. Georg Seehase (Hrsg.): Englische Literatur im Überblick, Leipzig 1968, Seite 344
  8. 7. Auflage, Band 5 von 1926
  9. Aus dem Milieu der Londoner Lohnschreiber. Am Ende von Gissings „Meisterstück“ (Orwell) kehre Gissing die viktorianische Romankonvention bewusst um, heißt es bei Seehase, Seite 298. „Die Talentierten, Kunstbewußten und Uneigennützigen sind zur Strecke gebracht, während die windigen, wendigen Zyniker ihren Weg machen und die schönen Witwen der auf dem Schlachtfeld des literarischen Kommerz Gefallenen heiraten.“
  10. Im Mittelpunkt dieser „glänzenden Studie über mißgeleiteten, krankhaften Ehrgeiz und falsche Scham“ (Kindlers) steht ein atheistischer Zeitungsschreiber, dessen Versuch des sozialen Aufstiegs scheitert.
  11. Buch und Autor gehen 1915 in Norman Douglas Reisebericht Old Calabria ein.
  12. Biographischer Roman, Erstveröffentlichung 1912. Der Schriftsteller Morley (1857-1942) war mit Gissing langjährig befreundet.